Vom 23.08.2008 bis 30.08.2008 nahm der Lehrgang MMZ Michelstadt an dem internationalen Austauschprojekt „Grenzt mich nicht aus, nur weil ich anders bin!“ des IKAB- Bildungswerkes e.V. in Bonn teil.
Die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien wurden mittlerweile von den EU-Mitgliedsstaaten rechtlich umgesetzt. Mit Hilfe dieser neuen Gesetze sollen Diskriminierungen im Alltag und in der Arbeitswelt wirkungsvoller bekämpft werden.
Da die Diskriminierung von Menschen, die „anders“ sind, sehr vielschichtig ist und vor allen Dingen die Diskriminierung im Alltag mit Hilfe der neuen Gesetze nur sehr schwer gelöst werden kann, ist es notwendig, die Menschen für Diskriminierung in ihrem eigenen Umfeld zu sensibilisieren und zu aktivem Eingreifen zu ermutigen.
Als besonders peinigende und erniedrigende Erfahrung beschreiben viele Jugendliche das Mobbing, bei dem sie von anderen schikaniert und systematisch ausgegrenzt werden, weil sie in deren Augen „anders“ sind. Die Palette der Verhaltensweisen reicht von indirekten, schwer fassbaren Anspielungen bis hin zu offenen Belästigungen und Quälereien.
Ziel der Projekttage in Bonn war die Sensibilisierung der Jugendlichen für das Thema Mobbing und soziale Ausgrenzung, das Aufspüren von Diskriminierungstendenzen in ihrem Umfeld und die Entwicklung von Lösungsansätzen.
Durch die Teilnahme an dem Projekt sollten die Jugendlichen ermutigt werden, in ihrem eigenen Umfeld als „Anti-Diskriminierungs-Scouts“ tätig zu werden.
Neben der MMZ Gruppe nahmen Gruppen aus Italien, Irland und Österreich teil.

Die italienischen Jugendlichen waren junge Männer zwischen 16 und 23 Jahren aus einem Stadtteilprojekt von Turin. Sie kannten sich untereinander sehr gut, da sie ihre Freizeit vorwiegend gemeinsam verbrachten.
Aus Österreich kam eine Gruppe Jugendlicher im Alter von 16 bis 18, zwei Jungen und drei junge Frauen, alle mit Migrationshintergrund. Auch diese Gruppe verbringt vorwiegend ihre Freizeit zusammen, sie nehmen an den Aktivitäten eines Stadtteilprojekts in Wien teil.
Die irische Gruppe ist Teil eines Jugendtheaterprojektes, das schon einige Erfahrung bei öffentlichen Auftritten gesammelt hat.
Die MMZ Teilnehmerinnen waren als einzige Gruppe keine „Freizeitgruppe“. Darüber hinaus kannten sich die Teilnehmerinnen in dieser Zusammensetzung erst knapp drei Wochen.
Die persönlichen Lebensumstände und die soziale Lage der MMZ Teilnehmerinnen führte in der Vergangenheit nicht selten dazu, dass sie selbst in die Rolle der Außenseiterinnen gerieten. Die systematische Ausgrenzung und Erniedrigung, das Mobbing, haben die Teilnehmerinnen fast ausnahmslos am eigenen Leib erfahren. Dabei umfasst die eigene Erfahrung sowohl die Rolle des Opfers, der Zuschauerin als auch der Täterin.
Nicht zuletzt die persönlichen Erfahrungen machten das Thema für die MMZ Frauen sehr interessant. Dies führte dazu, dass alle den teilweise recht kurzfristig bekannt gegebenen Termin sehr gerne wahrnehmen wollten. Nur eine der jungen Frauen erhielt aus religiösen Gründen leider keine Einwilligung ihrer Familie zu der Teilnahme.
Die teilnehmenden Gruppenverantwortlichen einigten sich nach intensiver Planung und der Sammlung von Interessen und Erwartungen gemeinsam mit der Leiterin des Austauschprojektes auf ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Programm.
Zur Vorbereitung auf die thematische Arbeit fanden zahlreiche Kennenlernspiele statt, die den Jugendlichen halfen, Berührungsängste zu überwinden und vor allem dazu ermutigten, Sprachbarrieren abzubauen, indem sie nach sprachunabhängigen Kommunikationsmöglichkeiten suchten.
In der Gesamtgruppe wurden zunächst Erwartungen und Ziele formuliert. Die einzelnen Gruppen stellten ihren Alltag, Lebensumstände und Zukunftspläne vor, tauschten erste Erfahrungen aus.
Die national gemischten Gruppen arbeiteten anschließend in intensiven Gesprächen und zahlreichen Rollenspielen.
In den Rollenspielen stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Situationen dar, in denen sie persönlich Mobbing erlebt haben. Dabei zeigten sich sehr schnell gewisse nationale Unterschiede. Noch deutlicher wurde dabei allerdings die Tatsache, dass die Mobbingstrategien geschlechtsspezifisch differieren.
Zwei Fachkräften der Kripo Bonn, die sich vorwiegend mit Gewaltprävention und Mobbing unter Jugendlichen beschäftigen, kamen am Dienstag, um über Mobbing in der Gesellschaft zu berichten. Dabei erhielten die Jugendlichen einige wichtige Tipps. So rieten die Beamten z.B. dringend, sich umgehend jemandem mitzuteilen und um Unterstützung zu bitten.
Gemeinsam mit den Jugendlichen analysierten sie die dargestellten Rollenspiele.
Die zweite Hälfte der Projekttage verbrachten die Teilnehmerinnen in national gemischten Gruppen mit der Arbeit in verschiedenen Wokshops.
So wurde unter fachlicher Anleitung eine kurze Radiosendung mit Interviews, Tipps und Musikclips zusammengestellt.
Eine weitere Gruppe erarbeitete ein Drehbuch für ein kurzes Video, übte unter fachkundiger Regie, filmte und schnitt die Szenen zu einem sehenswerten kurzen Film.
Gemeinsam haben die nationalen Gruppen Slogans entwickelt, die für das Thema sensibilisieren sollen. Die PR Gruppe griff diese Slogans auf und gestaltete zusammen mit selbst geschossenen Szenenfotos professionelle Postkarten und Plakate.
Die Ergebnisse der einzelnen Workshops griff der Webseiten-Workshop auf und dokumentierte diese, sowie den gesamten Ablauf der Projekttage mit zahlreichen Fotos und Interviews sehr anschaulich und lebendig auf der Webseite www.ikabblog.blogspot.com .
Die Postkarten




Die Plakate




Die Ankunft in Bonn gestaltete sich für die MMZ Teilnehmerinnen als Herausforderung.
Bereits am Vormittag war die italienische Gruppe angekommen und wartete schon ungeduldig auf das Eintreffen der weiteren Gruppen. Entsprechend lebendig war die Begrüßung der Neuankömmlinge. Die Situation während des gemeinsamen Mittagessens einzeln an gemischten Tischen zu sitzen ohne die Sprache des Tischnachbarn zu verstehen überforderte die Teilnehmerinnen so sehr, dass sie Essenszeit verstreichen ließen, ohne einen Bissen anzurühren.
Jedoch bereits am ersten gemeinsamen Abend zeigten sich erste Tendenzen zu einer sprachunabhängigen Kommunikation.
Die Spiele zum Kennenlernen und erste Arbeitsaufträge in national gemischten Gruppen zeigten bereits am zweiten Tag sehr schnell Erfolg, so dass die MMZ Teilnehmerinnen gerne die Verständigung mit Mitgliedern anderer nationaler Gruppen suchten, auch wenn keine gemeinsame Verständigungssprache gegeben war.
Eine sehr gute Unterstützung dabei war neben den Gruppenleitern auch die Präsenz der beiden Dolmetscherinnen, die zum einen während der gesamten inhaltlichen Arbeit eingesetzt waren, bei Bedarf aber auch darüber hinaus gerne übersetzten.
Am letzten Tag des Aufenthalts in Bonn nach der Kommunikation trotz der Sprachbarriere gefragt, antworteten die Teilnehmerinnen: „Neben der Sprache gibt es ja auch noch Hände und Füße zum Reden“.
Einstimmig äußerten alle, sie wollen ihre Englischkenntnisse verbessern, um sich „beim nächsten Mal“ besser verständigen zu können.
Jede der Teilnehmerinnen konnte ihre persönliche Kompetenzen durch die Teilnahme an diesem Austauschprojekt deutlich verbessern. Die Anerkennung der eigenen Leistung, sei es in Rollenspielen, Workshops, beim gemeinsamen Sport oder in der Freizeit hat das Selbstbewusstsein der jungen Frauen deutlich gestärkt.
Die fast ausschließlich positiven Erlebnisse während des Aufenthalts ermutigten die jungen Frauen, fremden Menschen unvoreingenommener gegenüber zu treten. Dies wurde bereits unmittelbar nach der Rückkehr nach Michelstadt bei der sehr offenen Begrüßung einer neuen Kollegin deutlich.
Die Problematik des Themas Mobbing ist allen sehr bewusst geworden. Dies wurde in der unmittelbaren Nachbereitungszeit sehr deutlich. Hierbei ist vor allem die geäußerte Bereitschaft zur Einmischung zu erwähnen.
Um auch für Jugendliche anderer Gruppen den Zugang in die Problematik des Themas zu erleichtern, werden die jungen Frauen in den nächsten Wochen die neu gewonnenen Kenntnisse und Informationen in einer Präsentation zusammen fassen und diese dann auch selbst vorstellen.
Sehr gerne würden sowohl die Gruppe als auch die Teamverantwortlichen eine ähnliche Maßnahme durchführen.
Wünschenswert für einen erfolgreichen und reibungslosen Ablauf wäre dabei allerdings, noch mehr auf die Homogenität der Gruppen zu achten. Das Altersspektrum von 16 bis 23 Jahre und die damit verbundenen unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse führte automatisch immer wieder zu Reibereien. Auch die Tatsache, dass drei der vier teilnehmenden Gruppen „Freizeitgruppen“ waren, die sich aus gemeinsamem Interesse heraus treffen und in der gleichen Zusammensetzung bereits längere Zeit kannten, die MMZ Gruppe aber eine „Zweckgruppe“ ist, die unabhängig von gemeinsamen Interessen ihren „Arbeitsalltag“ miteinander verbringt, barg einiges Spannungspotential.